[Pressemitteilung] Warum wir einer Ausstellung über uns im Rahmen der „Langen Nacht der Wissenschaften“ fernblieben

Zur „Langen Nacht der Wissenschaften 2018“ lud am 9. Juni auch das Wissenschaftszentrum Berlin
für Sozialforschung (WZB) in seine Räumlichkeiten ein. Unsere politische Arbeit wurde dort in
Form der Wanderausstellung „Widerstand im Wohlfahrtsstaat“ porträtiert. Im Folgenden wollen wir
unsere Motivation, Teil der Ausstellung zu werden, sowie Kritik am Umgang des WZB mit uns als
Gruppe darlegen und erklären, warum wir an der Eröffnung der Ausstellung letztendlich nicht
teilnahmen.


Wenn wir es für richtig hielten uns an der Arbeit der Forscher*innengruppe zu beteiligen, dann
erstens um klarzustellen, dass entgegen dem weit verbreiteten Bild, erwerbslose und arme
Menschen keineswegs nur passive, faule und selbst für ihre Situation verantwortliche Objekte sind.
Wie wir sind Viele aktiv und widerständig zum Teil auch solidarisch miteinander organisiert. Wo oft
nur über uns in der dritten Person berichtet und gefachsimpelt wird, bot uns die Ausstellung eine
gute Möglichkeit, selbst zu sprechen und unsere Sicht auf gesellschaftliche Verhältnisse
wiederzugeben. Die Zusammenarbeit mit dem Team war niemals überfahrend, niemals
oberflächlich oder gar kleinbürgerlich denkend darin den Einzelfall zu konstruieren. Nicht zuletzt
hatten bzw. haben wir die Hoffnung, dass die Wanderausstellung andere einkommensarme
Menschen wie wir es sind, durch unsere Anregung dazu ermutigt die Sorge umeinander
aufzunehmen und praktische Solidarität und gegenseitige Hilfe zu leben.

Dass die Ausstellung für uns unbezahlte Arbeit von einem Wochenende inklusive Vor- und
Nachbereitung war, scheint man am WZB nicht zu würdigen. Wir haben ja schließlich Zeit. Das
generöse Angebot des WZB in „limitierter Ausgabe“ umsonst die Ausstellung besuchen zu können,
ist ein schlechter Scherz. Der kostenfreie Eintritt an der von uns miterarbeiteten Ausstellung war an
das vorherige Einreichen unserer Personalien gebunden. Doch nicht genug, dass wir als potentielle
Bedrohung unter Kontrolle gehalten werden sollten. Alternativ bot man uns an normale Tickets
erwerben zu können. Bei einem ermäßigten Eintrittspreis von 9 € ist offensichtlich, wer
unerwünscht ist. Für Bildung sind im Regelsatz für Grundsicherungsberechtigte nach dem SGB II
und dem SGB XII monatlich 1,06 € vorgesehen.

Der Umgang des WZB mit uns politisch aktiven Erwerbslosen zeigt ein fragwürdiges Verständnis
von Wissenschaft. Als organisierte Arme sind wir als Forschungs- und Ausstellungsobjekt durchaus
interessant. Aber schon allein unser potentielles Auftauchen reichte aus, uns im Vorfeld zu
kriminalisieren. Zwischen sogenannten Wissenschaffenden und jenen, über die Wissen produziert
wird, verläuft eine klare Grenze, die nicht überschritten werden soll. Soviel haben wir in diesem
Zusammenhang gelernt.

Hier agiert das WZB kaum anders als das Jobcenter. Uns wird ein Platz in der Gesellschaft
zugewiesen, an dem wir uns fügsam verhalten sollen. Wir dürfen unsere Meinung kund tun, aber
bitte nur wenn wir gefragt werden. Unsere ursprüngliche, durch das uns besuchende Team
vermittelte Hoffnung diesen Platz wenigstens für einige Momente zu verlassen, wurde durch den
Umgang des WZB mit uns torpediert. Unsere alltägliche politische Arbeit besteht darin uns nicht
vom Jobcenter zurichten zu lassen. Deshalb lassen wir auch an uns interessierte Forschende nicht
mit uns umspringen wie sie wollen. Aus diesem Grund sind wir der Ausstellung „Widerstand im
Wohlfahrtsstaat“ ferngeblieben.

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